Bodo Ramelow schlägt die Kinderhymne von Bertolt Brecht als neue Nationalhymne für Deutschland vor. Aber wie lautet deren Text und was steckt dahinter? Eine kurze Erklärung.
Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke) hat sich für eine neue deutsche Nationalhymne und eine Abstimmung über die Farben der schwarz-rot-goldenen Landesflagge ausgesprochen. Er kenne viele Ostdeutsche, die „die Nationalhymne aus vielerlei Gründen nicht mitsingen. Ich würde daher tatsächlich gerne die Kinderhymne von Bertolt Brecht zur Abstimmung stellen“, sagte Ramelow der „Rheinischen Post“. „Die Kinderhymne hat einen wunderbaren Text. Über die Passage, dass ein besseres Deutschland blühe, könnten wir Zugang zu einer gesamtdeutschen Hymne finden, die wir alle zusammen mit Freude singen könnten“, sagte der Linken-Politiker. Sein Vorschlag ist nicht neu, schon vor der deutschen Wiedervereinigung war die „Kinderhymne“ ein Vorschlag als neue Hymne des neuen deutschen Staates. Auch Ramelow hatte die Kinderhymne schon einmal 2019 ins Gespräch gebracht:
Was ist die Kinderhymne?
Die Kinderhymne ist ein Gedicht, das Bertolt Brecht (1898 – 1956) im Jahr 1950 geschrieben hat. Der Text lautet:
„Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.
Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.
Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.
Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.“
Worum geht es Brecht?
Die Kinderhymne ist Brechts Gegenentwurf zum „Deutschlandlied“ und zur DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“.
Brecht appelliert darin an die Kinder, sie mögen sich für Deutschland anstrengen und einsetzen, damit ein gutes Land entsteht. Das Gedicht ist geprägt von der Erfahrung des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges. Kein übersteigerter Nationalstolz sollte Deutschland prägen und den Nachbarländern Angst machen. Stattdessen drückt Brecht hier ein freundschaftliches Miteinander der Staaten aus. Es geht ihm um Frieden und Völkerverständigung.
Brecht erteilt auch allen deutschen Expansionsgedanken eine Absage, sondern benennt klar die geografischen Grenzen von Deutschland nach 1945: „Von der Oder bis zum Rhein“ ist eben etwas anderes als „von der Maas bis an die Memel“.
Zugleich sollten die Deutschen auf ihr Land stolz sein dürfen – genauso wie die Menschen in anderen Ländern. Es geht Brecht offenbar um ein Deutschland auf Augenhöhe mit den Staaten aller Welt.
Was erhofft sich Bodo Ramelow von einer neuen Nationalhymne?
Ramelows Einschätzung nach fremdeln viele Ostdeutsche mit der deutschen Nationalhymne und der schwarz-rot-goldenen Flagge. Während die Menschen in der DDR sich von ihren alten Nationalsymbolen verabschieden mussten, hat sich für die Menschen in der ehemaligen Bundesrepublik nichts geändert in Bezug auf Flagge und Hymne.
Die alte westdeutsche und neue gesamtdeutsche Hymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“ wurde von Heinrich Hoffmann von Fallersleben verfasst, die Melodie stammt von Joseph Haydn. Sie wurde in der Weimarer Republik erstmals zur Nationalhymne. Seit 1952 ist die dritte Strophe des Liedes Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland.
Ramelow erhofft sich mit seinem Vorschlag offenbar ein neues, stärkeres Gemeinschaftsgefühl mit neuen Symbolen für den – nicht mehr so neuen – gesamtdeutschen Staat.
Quellen:„Bundeszentrale für politische Bildung“, ARD zu Lebensstationen von Bertolt Brecht, „NDR.de“ zur Bedeutung Brechts heute.