Kinostart: Wie doof ist der neue Minecraft-Film?

Die Live-Action-Verfilmung des berühmten Videospiels Minecraft ist relativ flach, aber halbwegs lustig. Zumindest, wenn man auf sprechende Frauen verzichten kann.

Wer älter als zwölf ist, kann unmöglich den ersten fünf Minuten des Minecraft-Films folgen. Ein Junge will eine Mine erobern, taucht als mittelalter Mann beide Hände herzhaft in sein Mittagessen (Kartoffelbrei), baut ein Haus aus pinker Schafwolle, wird von Zombies attackiert, reist durch drei Dimensionen voller fieser Schweine. Sein Hund Dennys büxt aus und verliert schließlich einen enorm wertvollen, blauen Zauberstein. Alles ist dabei sehr eckig und knallbunt und kann jederzeit explodieren: Willkommen in der Welt von Minecraft. 

Die Hoffnungen auf der 150 Millionen Dollar schweren Live-Action-Verfilmung wiegen enorm. Die erste Version des gleichnamigen Computerspiels ist schon 15 Jahre alt. Heute ist Minecraft eines der am häufigsten verkauften Videospiele der Welt. Nach dem Sandkasten-Prinzip müssen Nutzerinnen und Nutzer kleine Boxen stapeln und zu Welten zusammensetzen, sich mit Tieren anfreunden und Feinde bekämpfen. Wie Lego aus Pixeln. 

Eltern lieben Minecraft, denn im Gegensatz zu den ähnlich beliebten Konsorten „Roblox“ und „Fortnite“ werden keine Naziparolen in den Chats ausgetauscht oder Vernichtungslager in Detailtreue nachgebaut. Und man muss sich keine Sorgen machen, dass erwachsene Männer spielende Kinder in Groomingfallen locken oder um ihr Taschengeld bringen. Über 300 Millionen Mal wurde Minecraft seit 2009 heruntergeladen. Noch immer zocken monatlich mehr als 200 Millionen Menschen weltweit – vor allem kleine Menschen. Das strauchelnde Filmstudio Warner Bros. hofft deshalb nach mehreren teuren Flops darauf, dass der Film zum Kassenschlager wird. Der Cast gäbe das her: Jason Momoa („Aquaman“) spielt einen gealterten Profi-Gamer, Jack Black („School of Rock“) einen desillusionierten Zocker. Beide stolpern mit einem Waisenjungen (Sebastian Hansen in seiner ersten großen Rolle) in die Pixel-Welt. 

Minecraft: Peng, Piu, Krawumm

Dort beginnen die Probleme. Minecraft, das Computerspiel, hat keine Handlung. Es hat kein Ende, wird aber trotzdem nicht langweilig, denn immer gibt es ein Haus zu bauen, Schaltkreise zu legen oder eine Farm mit grünen Monstern zu bevölkern. Statt daraus einen kreativen Plot zu stricken – wie etwa die erfolgreichen Lego-Fime – greift „Ein Minecraft Film“ auf ein stereotypes Narrativ zurück. Die Bösen drohen mit der Weltherrschaft, die Guten gehen auf eine Heldenreise, um das zu verhindern. Sie suchen ein magisches Schwert, einen Zauberspruch oder in diesem Fall: eine Zauberkugel, die quadratisch ist. Eine Geschichte also, wie schon seit Anbeginn des Kinderfilms. Allerdings derart auf Speed, dass man vor lauter Explosionen und Kampfszenen kaum blinzeln kann, ohne ständig den Faden zu verlieren.  

Liebevoll inszeniert sind die kleinen Verweise auf die Geschichte des Computerspiels. Der Film spielt scheinbar in den 1990er Jahren. Es geht um seltene Konsolen, im Computerspiel-Geschäft stapeln sich alte „Mad“-Magazine und allerlei Geräte, auf denen die meisten Minecraft-Fans nicht einmal den An-Knopf finden dürften. Deutlich seltener sind die Momente, in denen die Insiderwitze auf das junge, eigentliche Publikum abzielen. Wie der, als ein Schweinchen mit Krone durchs Bild läuft, ein Symbol für den erfolgreichen Minecraft-Youtuber „Technoblade“, der 2022 an Krebs starb und von Fans seither verehrt wird. „Er ist kein König, er ist eine Legende“, sagt eine der Figuren dazu. Die vage Referenz an die leidenschaftliche, riesige, weltweite Community bleibt kaum beachtet. Schon knallt und explodiert es wieder. 

Falls Sie sich das an dieser Stelle fragen: Auch Frauen kommen vor. Es gibt einen Test, der auf die amerikanische Comicautorin Kelly Sue DeConnick zurückgeht: Könnten die Frauenfiguren in einem Film mit Stehlampen ersetzt werden, ohne dass sich an der Handlung etwas ändert? Die Antwort für „Ein Minecraft Film“ lautet leider: Ja.  Emma Myers („Wednesday“) spielt die große Schwester des Waisenjungen, Oscar-Kandidatin Danielle Brooks, eine kauzige Immobilienmaklerin, beide gehen mit auf die Jagd nach der blauen Zauberkugel. In den Martial-Arts-Szenen verstecken sie sich allerdings erst feige hinter einem Tisch, verteidigen sich dann – anders als die beiden Männer und der Junge – nicht mit schicken Kristallschwertern und Nunchakus aus der Waffenkammer, sondern mit Stöcken. Obendrein stellen sie sich wahnsinnig dumm dabei an, aus einem der Minecraft-Bausteine ein Boot zu bauen. Dabei hatte kurz zuvor der kleine Bruder problemlos eine mehrstöckige Burg entworfen. Typisch Mädchen! Es hilft nicht, dass weibliche deutsche Synchronstimmen ihren Figuren grundsätzlich eine leicht dämliche Intonation aufdrücken. Beide sprechen ohnehin nicht viel, selten miteinander und wenn, dann geht es um einen der Männer, die allerlei Mackersprüche aufsagen. Typisch Jungs!

Vollkommen verschwendet sind auch die Talente der großartigen Jennifer Coolidge („The White Lotus“), die sich in einem Subplot auf einem Date mit einer in die falsche Dimension verirrten Spielfigur vergnügt und dabei eindeutig schlüpfrige Kommentare macht. Coolidge werden dafür seltsame Altherrenwitze in den Mund gelegt. Ihre Figur zeichnet im Wesentlichen aus, dass sie geschieden ist und nun nach einem neuen „Sack“ sucht, der ihren „Deckel öffnet“ und in ihre „Tonne“ knallt. Zu viele alte Menschen lachen da zu laut. Zu viele Teenager versinken entgeistert in ihren Sitzen. Man muss ihnen Recht geben: Leider cringe.

Männer-Schweinchen und Zombies

Das alles scheint zu sehr der Fantasie von jemandem entsprungen, der in den 90er Jahren zwischen Jumanji und Ninja Turtles sozialisiert wurde. Dabei sind mehr als 40 Prozent der heute Minecraft-Spielenden Frauen und Mädchen. Die meisten Figuren im Spiel sind explizit geschlechtsneutrale Klötzchen, der schwedische Spielerfinder Notch betont immer wieder, in Minecraft gebe es „kein Geschlecht“. Im Film dagegen mutieren die Schweinchen zu männlichen, martialischen Kampfmaschinen mit freiem Oberkörper. 

Schon nach Veröffentlichung des Trailers hatten viele Game-Fans ihren Unmut geäußert: Die Figuren seien hässlich animiert. Ein ähnlicher Aufschrei hatte nach dem Trailer zur Verfilmung des Computerspiels „Sonic“ dazu geführt, dass die humanoiden Igel-Figuren noch einmal neu designt wurden. In diesem Fall passierte nichts. Die Minecraft-Dorfbewohner-Figuren haben nun fast mehr Alptraumpotenzial als die brutalen Schweinchen, die von der Bösewichtin befehligt werden.

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Zehn Jahre lang war der Film in der Mache. Mindestens drei Regisseure sind abgesprungen, bevor Jared Hess („Napoleon Dynamite“) übernahm. Der Druck war groß. Dem Urteil der riesigen, kreativen Fan-Community versucht Hess in Interviews aus dem Weg zu gehen. Er erzähle nur „eine von vielen“ Minecraft-Geschichten, nicht die „offizielle“. Eine clevere Pointe traut sich der Film dann auch lieber nicht zu. „Erschaffen ist schwieriger als zu zerstören“, heißt es nur. 

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