Sabrina Carpenter mit „Man’s Best Friend“: Tabubruch mit Engelsstimme

Sabrina Carpenter sieht aus wie Barbie, singt mit Engelsstimme und überrascht mit Lyrics, die man nicht hat kommen sehen.

Nach einem Jahrzehnt in der Musikindustrie gelang Sabrina Carpenter (26) im vergangenen Jahr mit ihrem sechsten Album „Short n‘ Sweet“ endlich der große Durchbruch. Zwei Grammy Awards gab es obendrauf. Ein Jahr und wenige Tage später legt sie mit „Man’s Best Friend“ bereits Album Nummer sieben nach. Offenbar geht der kreative Prozess schnell, wenn man seine Nische gefunden hat.

Carpenters Image lebt vom Tabubruch: sexy-süße Looks, die an Pin-up-Girls der Fünfziger erinnern, Pop-Songs, die im Radio harmlos wirken könnten – und Texte, deren Frechheit man nicht erwartet. Denn während etwa eine Taylor Swift ihrem Liebeskummer mit Poesie begegnet, ist Carpenter schon auf Stufe zwei der Verarbeitungsphase angekommen und macht aus ihrer Enttäuschung über die Männerwelt eine Comedyshow.

Skandalöse Lyrics für das Pop-Genre

Prüde ist Carpenter nicht – und das möchte sie auch so verstanden wissen. Auf dem Cover von „Man’s Best Friend“ kniet sie auf allen Vieren vor einem Mann, der ihre blonden Haare hält, eine Pose, die Social Media für Tage in Aufruhr versetzte („Darf sie das???“). Mit den Bildern einer Cardi B gar nicht zu vergleichen, aber im Popbusiness laufen die Uhren offenbar noch anders.

Mindestens so „provokant“ sind auch Carpenters Lyrics. Im Vorfeld warnte sie, das Album sei nichts für Menschen, die leicht zu schockieren seien. Gemeint sind Zeilen wie aus der zweiten Single „Tears“: „I get wet at the thought of you / Being a responsible guy / Treating me like you’re supposed to do / Tears run down my thighs.“ Übersetzt: „Ich werde feucht bei dem Gedanken, dass du ein verantwortungsvoller Typ wärst, mich so behandelst, wie du es solltest – Tränen laufen meine Schenkel herunter.“

Die Linie zieht sich durch: Schon ihr Hit „Manchild“ war ein Schlag unter die Gürtellinie, von dem sich ihr Ex und seine Mutter wohl nicht mehr erholen werden: „Why so sexy / If so dumb / And how survive the earth so long / If I’m not there it won’t get done / I choose to blame your mom.“ Übersetzung: „Warum so sexy / Obwohl so dumm / Wie hast du so lange auf der Welt überlebt / Wenn ich nicht wäre würde es nie erledigt werden / Ich hab entschieden, deiner Mutter die Schuld zu geben.“

Auch diesmal arbeitete Carpenter mit ihren bewährten Produzenten Jack Antonoff, Amy Allen und John Ryan zusammen, die schon beim Vorgängeralbum maßgeblich zum Erfolg beitrugen. Das Erfolgsrezept – massentaugliche Popsongs und provokante Lyrics – treibt sie dabei bewusst auf die Spitze. Musikalisch bewegen sich die zwölf Tracks zwischen schillernden Disco-Nummern, glamourösen Pop-Balladen und R&B-Einflüssen, bleiben dabei aber eher vorhersehbar.

Verflucht von der Engelsstimme

Der eigentliche Bruch entsteht zwischen Melodie und Text – und genau darin liegt der Reiz. Man wartet geradezu darauf, welche Zeile hinter der zuckersüßen Fassade als Nächstes einschlägt. Schließlich hört man selten, dass eine Engelsstimme in einer Ballade singt: „You think that I’m gonna fuck with your head, well you’re absolutely right.“ („Du denkst, ich werde dich fertig machen? Tja, da hast du absolut recht.“). Oder dem Ex-Freund im Trennungssong ein glückliches Leben gewünscht wird, in dem er nie wieder flachgelegt wird.

Nur ausnahmsweise wird die ehemalige Disney-Prinzessin auch einmal nachdenklich. In „Nobody’s Son“ singt sie zu einem zuckersüßen Sommer-Sonne-Sorglos-Song über romantische Hoffnungslosigkeit: „Probably should’ve guessed, he’s like the rest, so fine and so deceiving / There’s nobody’s son, not anyone left for me to believe in.“ Zu Deutsch: „Ich hätte es wohl ahnen müssen, er ist wie die anderen, so süß und so trügerisch. Es ist niemand mehr übrig, an den ich glauben kann.“

Nachdem die Pop-Girlies jetzt schon Taylor Swift mit ihrer Verlobung für Liebeskummer-Verarbeitung „verloren“ haben, möchte man Sabrina Carpenter fast wünschen, dass es bei ihr noch ein wenig dauert, bis sie den Richtigen findet – rein im Interesse der Musik.

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