In den 60ern und 70ern haben dänische Ärzte Tausenden Frauen in Grönland Spiralen zur Verhütung eingesetzt. „Es war die Hölle“, erzählt eine Betroffene.
Naja Lyberth war 14 Jahre alt, als ihr ein dänischer Arzt in der grönländischen Stadt Maniitsoq eine Spirale in die Gebärmutter einsetzte. „Es fühlte sich an, als würden Messer in mich hineingeschoben werden“, sagt Lyberth im Podcast „Spiralkampagnen“ des dänischen Senders DR.
Alle Mädchen in Lyberths Klasse waren damals, im Jahr 1976, ins Krankenhaus geschickt worden, wo ihnen zur Schwangerschaftsverhütung eine Spirale eingesetzt wurde. Ihre Eltern waren nicht darüber informiert worden. Genau wie Lyberth und ihren Klassenkameradinnen wurden Tausenden Grönländerinnen vor allem in den 60er- und 70er Jahren Spiralen eingelegt.
Zu der Zeit war Dänemark für die Gesundheitsversorgung in Grönland verantwortlich. Viele der Frauen erzählen heute, dass der Eingriff ohne ihr Einverständnis geschah. Dafür entschuldigte sich am Mittwoch die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen im Namen Dänemarks bei den betroffenen Grönländerinnen. „Wir können nicht ändern, was geschehen ist. Aber wir können Verantwortung übernehmen“, sagte Frederiksen laut einer Mitteilung.
Facebook-Post bringt Spiralen-Skandal ans Licht
Es war ein Facebook-Post von Naja Lyberth aus dem Jahr 2017, der die Berichterstattung über die grönländischen Frauen und die Spiralen ins Rollen brachte. Darin beschrieb Lyberth ihr Erlebnis in dem Krankenhaus in Maniitsoq im Jahr 1976. Seitdem erzählten immer mehr Grönländerinnen von ähnlichen Erlebnissen.
2023 beauftragten die dänische und die grönländische Regierung eine unabhängige Kommission damit, den Spiralen-Skandal zu untersuchen. Der Abschlussbericht der Kommission wird im Laufe des Septembers erwartet.
Kinder in Grönland waren dem dänischen Staat zu teuer
Um zu verstehen, wie es zu dem Skandal kam, muss man ins Jahr 1953 zurückgehen. Damals wird Grönland, das mehr als 200 Jahre lang eine dänische Kolonie war, Teil des Königreichs Dänemark. Die Regierung in Kopenhagen beschließt, die 3000 Kilometer entfernte arktische Insel zu modernisieren. Es werden Schulen und Wohnungen gebaut und dänische Ärzte nach Grönland geschickt, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern.
Die bessere medizinische Versorgung in Grönland führt unter anderem zu besseren Überlebenschancen für Neugeborene. Die vielen grönländischen Kinder wiederum sind teuer für den dänischen Staat – es müssen Kindergärten gebaut und mehr dänische Ärzte nach Grönland geschickt werden.
Um diese Entwicklung zu stoppen, startet die dänische Regierung im Jahr 1966 die sogenannte Spiralen-Kampagne. Alleine in den ersten vier Jahren der Kampagne werden 4500 Spiralen bei Grönländerinnen eingesetzt. Die Regierung in Kopenhagen schätzt im Jahr 1969, dass 35 Prozent aller Grönländerinnen im reproduktiven Alter das Verhütungsmittel eingelegt wurde – und stellt fest, dass die Zahl der Geburten in Grönland zurückgegangen ist.
„Der dänische Staat hat mir die Unschuld genommen“
Viele der Grönländerinnen, mit denen der Sender DR gesprochen hat, empfanden das Einsetzen der Spirale als traumatisierend. Einige hatten das Gefühl, keine Wahl zu haben. „Ich konnte nicht dagegen ankämpfen“, erzählt beispielsweise Naja Lyberth. „Ich war nicht dazu erzogen, Autoritäten zu widersprechen.“
Dazu kam, dass die Spiralen, die damals in Grönland benutzt wurden, viel größer waren als die Kupfer- und Hormonspiralen, die heute verwendet werden. Sie bestanden aus Kunststoff, waren schwierig einzuführen und nicht geeignet für Frauen, die noch nie ein Kind geboren haben.
„Es war die Hölle. Ich hatte mehrere Jahre lang einen Fremdkörper in mir“, erinnert sich Naja Lyberth, die, als ihr im Alter von 14 Jahren die Kunststoffspirale eingesetzt wurde, noch nicht sexuell aktiv war. „Der dänische Staat hat mir meine Unschuld genommen“, sagt sie zu DR.
Der Sender berichtet, dass einige der Mädchen und Frauen nicht einmal wussten, dass ihnen das Verhütungsmittel – beispielsweise während einer gynäkologischen Untersuchung – eingesetzt wurde. Nach Angaben des dänischen Instituts für Menschenrechte waren manche der grönländischen Mädchen erst zwölf Jahre alt, als sie die Spirale bekamen.
143 Grönländerinnen verklagen Dänemark
Nach Bekanntwerden des Spiralen-Skandals aus den 60ern und 70ern meldeten sich auch Frauen zu Wort, denen ohne ihr Einverständnis Spiralen eingesetzt wurden, nachdem Grönland im Jahr 1992 selbst die Verantwortung für das Gesundheitswesen übernommen hatte. Dafür entschuldigte sich der grönländische Regierungschef Jens Frederik Nielsen am Mittwoch bei allen Betroffenen und versprach ihnen eine Entschädigung.
Naja Lyberth hat zusammen mit 142 weiteren Grönländerinnen den dänischen Staat wegen der Verletzung ihrer Menschenrechte verklagt. Die Frauen fordern je eine Entschädigung in Höhe von 300.000 dänischen Kronen (etwa 40.000 Euro). Die dänische Regierung möchte sich zu den Forderungen erst äußern, wenn die Ergebnisse der Untersuchungskommission vorliegen.