Fast niemand hätte an diesen Erfolg geglaubt: Seit mehr als zehn Jahren läuft „Bares für Rares“ im ZDF. Kein Wunder: In Horst Lichters Trödelshow findet die Berliner Republik ihre Mitte.
Auf drei Dinge ist in diesem Land Verlass: Im Sommer gibt’s Regen, Deutscher Meister wird der FC Bayern – und nachmittags ab 15.05 Uhr läuft im TV „Bares für Rares“. Am 4. August 2013 wurde die Trödelshow mit Horst Lichter erstmals im ZDF ausgestrahlt.
Dass aus diesem neuartigen Format einer der größten Dauerbrenner im deutschen Fernsehen werden sollte, hat damals wohl niemand kommen sehen. Denn die Sendung hatte – ganz verschämt und kaum beachtet – seine Premiere bereits am Vortag auf dem Spartensender ZDFneo gefeiert. Einmal pro Woche, öfters war die Ausstrahlung anfangs nicht geplant. Wer sollte sich schon dafür interessieren, wie normale Menschen im TV ihren Plunder vom Dachboden meistbietend verhökern?
„Bares für Rares“ wurde wider Erwarten ein Erfolg – und was für einer
Tatsächlich fand die von dem sympathischen Schnauzbartträger Horst Lichter moderierte Sendung schnell Anhänger, und so schaffte es „Bares für Rares“ bereits ein Jahr später ins Hauptprogramm und läuft dort seit Ende 2015 durchgehend von Montag bis Freitag. Gelegentlich strahlt das ZDF die Show sogar zur Prime Time aus, und damit die Zuschauer auch am heiligen Sonntag nicht auf ihre Lieblingsshow verzichten müssen, gibt es Nebenreihen, in denen Händler- und Sammlerstücke präsentiert werden.
Rund drei Millionen Menschen schauen sich die Folgen im Schnitt an. Jeden Nachmittag. Der Erfolg hat viele Gründe. Einer davon ist: Wer diese Sendung schaut, wird mit jedem Tag ein kleines bisschen Klüger. Der Zuschauer lernt hier viel über Kunst, Schmuck, deutsche Historie und vor allem deutsche Alltagsgeschichte der letzten 150 Jahre.
Zudem findet erst bei „Bares für Rares“ die nervöse Berliner Republik ihre Mitte. Die Verkäufer bilden den perfekten Querschnitt der deutschen Bevölkerung. Sie heißen Fruböse, Tellinghusen oder Kalupa und kommen aus Gäufelden, Grünbach oder Georgsmarienhütte. Nur selten aus Berlin, Hamburg oder München. Die Metropolen haben hier wenig zu melden.
Horst Lichter hat sie alle gleich lieb
Und egal wer bei Lichter am Expertentisch steht, ob Enkel oder Oma, Homo oder Hetero, Urkölner oder Zugereister – Horst Lichter hat sie alle gleich lieb. Darin unterscheidet er sich auch von dem Moderator des anderen großen Dauerbrenners im TV. Günther Jauch hat seine Antipathie gegenüber bestimmten Gästen bei „Wer wird Millionär?“ nicht immer verbergen können.
Horst Lichter versteht es dagegen, sich selbst zurückzunehmen und neben sich andere zum Glänzen zu bringen. Nicht nur die Gäste. Die Show hat viele Prominente produziert. Experten wie Sven Deutschmanek, Colmar Schultze-Goltz, Heide Rezepa-Zabel oder Wendela Horz – bei denen schon die Namen für Qualität stehen. Händler wie Julian Schmitz-Avila, Lisa Nüdling, Susanne Steiger oder Wolfgang Pauritsch sind den Zuschauern vertraut wie Familienmitglieder.
Mag die Welt aus den Fugen geraten, die Zukunft immer weniger vorhersehbar sein, der Zuschauer vom technologischen Wandel überfordert sein: Bei „Bares für Rares“ erwartet ihn Beständigkeit. Der Ablauf einer jeden Sendung ist gleich. Egal ob Corona, Klima oder Wirtschaftskrise: Wenn Walter Lehnertz sein Startgebot abgibt, weiß jeder, was jetzt kommt: 80 Euro – damit steigt „Waldi“ traditionell in die Versteigerung ein.
Es ist diese Verlässlichkeit, die das Publikum da draußen immer weniger findet. Bei Horst Lichter gibt es sie noch. Was nicht heißen soll, die Sendung sei langweilig. Variatio delectat, Abwechslung erfreut – diesen alten Grundsatz der Lateiner beherzigt man auch bei „Bares für Rares“. Und so betreten die Verkäufer den Expertenraum manchmal von rechts, manchmal von links.
Hin und wieder verabschiedet sich ein Händler oder ein neuer Experte wird eingeführt. Denn auch Lichter weiß: Damit alles bleiben kann wie es ist, muss sich manches ändern. Man darf den Zuschauer beim Wandel nur nicht überfordern. Die Politik kann von Horst Lichter noch viel lernen.
„Bares für Rares“ läuft immer wochentags um 15.05 Uhr