So viel Glück ist man in Ostwestfalen gar nicht gewohnt: Arminia Bielefeld steht erstmals in der Vereinsgeschichte im Pokalfinale. Für die Fans ist es eine späte Genugtuung.
Arminia Bielefeld? Geben Sie es zu, diesen Fußballclub hatten Sie bis vor Kurzem schon fast vergessen. Diesen Verein aus Ostwestfalen, der immer zwischen der ersten und zweiten Liga mäanderte und mittlerweile darum kämpft, nicht in der Bedeutungslosigkeit der Drittklassigkeit zu verschwinden.
Jetzt aber, jetzt steht Arminia Bielefeld plötzlich wieder auf der großen Fußballbühne. Zum ersten Mal spielt die Arminia im Pokalfinale, es ist der größte Erfolg der Vereinsgeschichte für einen Verein, der bisher nur den Westfalenpokal in der Vitrine stehen hat. Für Fans wie mich ist der Finaleinzug eine späte Genugtuung nach harten Jahren.
Kurz zum Analytischen: Bielefeld hat im Halbfinale sensationell Double-Gewinner Bayer Leverkusen besiegt. Und das noch nicht einmal glücklich, sondern hochverdient, mit einer fast perfekten Partie. Effizient in der Offensive, konzentriert in der Defensive, spielfreudig, bissig. Trainer Mitch Kniat hat einen Matchplan entwickelt, der offensichtlich auch gegen den Meister und Pokalsieger funktioniert: mit nur einer Spitze statt wie in der Liga mit drei Angreifern, dennoch nicht verstecken, sondern frech angreifen.
Favoritenschreck Arminia Bielefeld
Diese Methode hat die Arminia als vierten Drittligisten ins Finale des DFB-Pokals gebracht. Aber: Als erstes Team aus der dritten Liga überhaupt hat Bielefeld auf dem Weg dorthin vier Bundesliga-Mannschaften aus dem Weg geräumt. Die einzige relevante Bestmarke, die Arminia bisher hielt, war die der meisten Aufstiege in die Bundesliga – Stichwort Fahrstuhlmannschaft.
Jetzt aber zum Emotionalen: Ich habe unzählige Nachmittage auf der Südtribüne der Alm (dem Stadion, das längst nicht mehr Alm heißt, aber alle so nennen) verbracht. Dazu so manches Spiel in fremden Stadien gesehen. Es ging selten gut aus. Klar, da waren Highlights wie Siege gegen den FC Bayern im Schneegestöber. Aber in Erinnerung bleiben vor allem Tiefpunkte wie ein 0:3 bei Erzgebirge Aue bei bitterkalten Temperaturen. Viele mitgereiste Fans waren so enttäuscht, dass sie weit vor Abpfiff aus Protest das Stadion verließen.
Endlich darf man auch in Bielefeld mal feiern
Es gibt viele solche kleine und großen Enttäuschungen in der Geschichte von Arminia Bielefeld, besonders in den vergangenen Jahren. Von der Bundesliga ging es geradewegs in die Niederungen der dritten Liga. Beim Abstieg kam es zu Fan-Krawallen und beschämenden Szenen. Das Bild, wie Vereinsikone Fabian Klos mit Tränen in den Augen vor den wütenden Fans steht, hat sich eingebrannt. Auch deshalb ist der Einzug ins Pokalfinale Balsam auf die wunden Fan-Seelen.
Seinen Fußballverein sucht man sich nicht aus, heißt es – und wer nun mal Fan von Arminia Bielefeld ist, der muss leidensfähig sein. Wenn Anhänger des FC Bayern über das dritte sieglose Spiel in Folge jammern oder der BVB mal ein Jahr lang auf Champions-League-Abende verzichten muss, kann ich nur bitter lächeln. Macht ihr mal einen Abstieg mit. Und dann noch einen. Und dann ständig die Witze über die Stadt, die es nicht gibt. In Bielefeld begegnet man dem mit Selbstironie. „Wir fahren weit, wir fahren viel, und wir verlieren jedes Spiel“, lautet ein beliebter Fangesang.
Der Ostwestfale ist Realist: Optimist mit Erfahrung
Als es zuletzt etwas zu feiern gab, den Aufstieg in die zweite Liga 2020, fiel die Party wegen der Corona-Maßnahmen nur sehr gedämpft aus. Es gibt also viel Nachholbedarf.
Dennoch lief der Platzsturm nach dem sensationellen Sieg gegen Bayer Leverkusen typisch ostwestfälisch ab. Nachdem die seligen Fans auf den Rasen rannten, bremste der Stadionsprecher sogleich: In einer Woche steht das nächste wichtige Ligaspiel an – und da soll der Platz nicht noch schlimmer aussehen als ohnehin schon. In Bielefeld traut man dem Glück eben nie, dahinter könnte gleich der nächste Rückschlag lauern. Der Ostwestfale an sich ist, im Fußball wie im Leben, Realist: ein Optimist mit Erfahrung. Wo der Rheinländer sagt „Et hätt noch immer jot jejange“, weiß man in Ostwestfalen-Lippe: „Es kann auch noch alles schiefgehen.“
Aber gerade darf man auch einfach nur genießen. Und sich darüber freuen, dass eine andere Passage aus einem beliebten Fanlied wahr geworden ist: „Die Fussballwelt in Bielefeld ist wieder auf den Kopf gestellt: Arminia ist wieder da!“ Wir sehen uns in Berlin!