Fünf Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Myanmar ist ein Mann lebend aus den Trümmern geborgen worden. Der 26-Jährige sei in der Nacht von einem Team aus türkischen und einheimischen Rettungskräften aus den Trümmern eines Hotels in der Hauptstadt Naypyidaw befreit worden, teilten die Feuerwehr und die Militärregierung des südostasiatischen Landes am Mittwoch mit. International steht die Junta verstärkt in der Kritik, weil sie trotz der Katastrophe unvermindert gegen bewaffnete Rebellengruppen kämpft.
Das Erdbeben der Stärke 7,7 hatte sich am Freitag 16 Kilometer nordwestlich der myanmarischen Stadt Sagaing ereignet. Nach offiziellen Angaben kamen dabei mehr als 2700 Menschen ums Leben. Die tatsächliche Opferzahl dürfte aber deutlich höher liegen. Nach Angaben der Militärjunta werden immer noch mehr als 400 Menschen vermisst, mittlerweile wurden zudem mehr als 4500 Verletzte gezählt.
Rettungskräfte versuchen nach wie vor, Überlebende zu finden und zu bergen. Die Hoffnungen schwinden aber mit jedem Tag. Die Rettung des 26-jährigen Hotelmitarbeiters in Naypyidaw ist daher ein Hoffnungsschimmer inmitten von großem Leid und Zerstörung: Auf einem Facebook-Video der Feuerwehr ist zu sehen, wie der staubbedeckte Mann durch ein Loch aus den Trümmern des Hotels gezogen und auf eine Trage gelegt wird. Er wirkt benommen, ist aber bei Bewusstsein.
Hilfsorganisationen klagen, dass die Bergungs- und Hilfseinsätze durch die andauernden bewaffneten Konflikte in dem Bürgerkriegsland erschwert werden. In Myanmar kämpft das Militär, das 2021 durch einen Putsch an die Macht kam, gegen bewaffnete ethnische und pro-demokratische Gruppen. Bereits vor dem Erdbeben waren viele Menschen in Myanmar von Hunger bedroht, mindestens 3,5 Millionen Menschen wurden nach UN-Angaben durch den Bürgerkrieg zu Vertriebenen.
Nach dem Beben forderte die UN-Sondergesandte Julie Bishop die Konfliktparteien auf, alles für „den Schutz der Zivilbevölkerung und humanitärer Helfer und die Bereitstellung lebensrettender Hilfe“ zu tun. Am Dienstagabend kündigte ein Bündnis aus drei mächtigen Rebellengruppen einseitig eine einmonatige Waffenruhe an, um die Katastrophenhilfe zu erleichtern. Nach der sogenannten Drei-Brüder-Allianz, die aus Rebellengruppen ethnischer Minderheiten besteht, riefen auch die oppositionellen Volksverteidigungskräfte eine einseitige Teil-Waffenruhe aus.
Myanmars Militärjunta blieb aber unnachgiebig. Juntachef Min Aung Hlaing kündigte an, die „defensiven Maßnahmen“ gegen „Terroristen“ fortzusetzen. „Wir wissen, dass sich einige bewaffnete ethnische Gruppen derzeit nicht an Kampfhandlungen beteiligen“, erklärte Hlaing. Er warf ihnen aber vor, weiter Angriffe zu planen und dafür zu trainieren. Er verwies auch auf Sabotageakte am Stromnetz.
Seit dem Erdbeben gab es etliche Berichte über Luftangriffe der Regierungstruppen. Am Mittwoch räumte die Junta zudem Warnschüsse auf einen Hilfskonvoi des Chinesischen Roten Kreuzes in dem an China grenzenden Shan-Staat im Norden Myanmars ein. Junta-Sprecher Zaw Min Tun erklärte, der Konvoi aus neun Fahrzeuge habe auf dem Weg in das Dorf Ommati nicht angehalten, als Soldaten mit Lichtzeichen dazu aufgefordert hätten. Daraufhin hätten die Soldaten drei Mal in die Luft geschossen.
International sorgte das Vorgehen der Militärregierung für Kritik. Die australische Regierung erklärte, die andauernden Angriffe verschlimmerten das Leid der Zivilbevölkerung. Außenministerin Penny Wong rief die Militärjunta auf, die „Militäreinsätze umgehend zu beenden und humanitären Helfern uneingeschränkten Zugang zu den betroffenen Gebieten zu gewähren“.
Amnesty International erklärte, das „unmenschliche“ Vorgehen der Militärregierung erschwere die Erdbebenhilfe massiv. „Man kann nicht mit der einen Hand um Hilfe bitten und mit der anderen Bomben abwerfen“, erklärte Joe Freeman, der Myanmar-Experte der Menschenrechtsorganisation.
Juntachef Hlaing hatte zuvor in einem ungewöhnlichen Schritt um internationale Hilfe gebeten. Angesichts des Ausmaßes der Zerstörung solle „jedes Land, jede Organisation“ helfen. In der Vergangenheit hatten Militärregierungen in Myanmar internationale Hilfe selbst bei großen Naturkatastrophen abgelehnt.
Auch im Nachbarland Thailand hatte das Beben Verwüstungen angerichtet. In der Hauptstadt Bangkok stürzte ein 30-stöckiges, in Bau befindliches Hochhaus ein. Dort wurden inzwischen 22 Tote geborgen, mehr als 70 Menschen gelten noch als vermisst.