Serie: Gefühlt gestern: Brieffreundschaften: Was ich als Neunjährige von Nicole gelernt habe

Wer als Kind der frühen 90er Kontakt in die große weite Welt haben wollte, der setzte dabei (mangels Alternativen) oft auf Brieffreundschaften. Auch unsere Autorin.

Früher war nicht alles besser. Manche Dinge waren sogar ziemlich schräg. Aber Nostalgie ist eine seltsame Sache: Mit genügend Abstand verursachen einem Phänomene, die man damals bitterernst nahm und anschließend lange völlig egal fand, plötzlich ein wohlig-warmes Gefühl im Bauch, wenn man an sie denkt. Diese Kolumne soll einen liebevollen, aber prüfenden Blick auf die Vergangenheit werfen. Was war so cool, dass man ihm mit Recht nachtrauern darf? Und was ist in den Untiefen der Geschichte eigentlich ganz gut aufgehoben?

Irgendwo im Haus meiner Eltern, in Nettlingen bei Hildesheim, liegt sie vermutlich noch herum: eine zum Bersten gefüllte, spröde gewordene Plastikhülle, vollgestopft mit Briefen. Bunt bemalte oder mit süßen Tierstickern beklebte Umschläge. Krakelige Kinderhandschrift. Das gesammelte Ergebnis meiner Brieffreundschaften. Quasi das Chatroulette der frühen 90er – wobei es das Konzept Brieffreundschaft natürlich schon viel früher gab. Nur für mich ging es eben erst Anfang der 90er los, als dank meines Starts in der Grundschule die Sache mit dem Schreiben irgendwann leidlich funktionierte.

Wie man an Brieffreunde kam, würde heute – zu Recht – jeden von uns die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lassen. Heute, wo man nicht mal den Hinterkopf seines Kindes auf Facebook zeigen mag. Damals inserierten hochgradig minderjährige Menschen nämlich in populären Magazinen: Der „Micky Maus“, der „Wendy“, der „Bravo“. Mit Angabe ihres jungen Alters, ihrer Hobbys und ihrer VOLLSTÄNDIGEN ADRESSE. Ja, Herr Datenschutzbeauftragter, da kann man schon mal einen kleinen Herzinfarkt bekommen, wenn man das heute hört.

Brieffreundschaften fand man in der „Micky Maus“

Und dort entdeckte ich die Schwester von Nicole. Weil die Schwester von Nicole aber dank ihres Inserats bereits mit mehr als ausreichend vielen Brieffreunden versorgt war, reichte sie mich weiter. An Nicole eben. Nicole kam aus Hamburg und war Cheerleader bei den Blue Devils. Ich meine, wie cool kann man sein? Darum weiß ich bis heute auch, dass 90er-Technopop-Star Blümchen alias Jasmin Wagner ebenfalls bei dem American-Football-Team getanzt (gecheert?) hat. Mein etwa neunjähriges Ich war extrem beeindruckt. 

Was mich damals ratlos zurückließ: Was zur Hölle war ein Hamburger Dom? In meiner Heimat gab es zwar auch einen Dom, aber das war eine schnöde Kirche – weshalb war Nicole so begeistert, mit ihrer Familie den Dom besucht zu haben? Ohne Internet gar nicht so leicht herauszufinden. Als sie mir im nächsten Brief erklärte, dass der Hamburger Dom eine große Kirmes ist, die dreimal im Jahr stattfindet, kapierte ich natürlich. Vielleicht ein Beleg für den kulturellen Wert von kindlichen Brieffreundschaften.

Die Freunde, die man unterwegs kennenlernte

Später kam noch die lustige Britta als meine Brieffreundin hinzu. Und nach den Ferien auf dem Ponyhof schrieb ich mir jahrelang noch mit May-Britt, die ich dort getroffen hatte. Wir hatten uns verbunden gefühlt, weil wir beim Ponyhof-Kinoabend nicht mitgucken durften: Es lief „Pretty Woman“, und der war erst ab 12. Heute hätte man sich eben auf Facebook connected, Whatsapp-Nummern getauscht oder wäre sich bei Insta gefolgt. Das ging damals alles nicht. Wären wir nicht Brieffreunde geworden, hätten wir vermutlich nie wieder voneinander gehört.

Auch mit Nicole schrieb ich mir noch mehrere Jahre, ein- oder zweimal telefonierten wir später auch, aber damals war ein Anruf in Hamburg quasi noch ein Ferngespräch und entsprechend teuer. Irgendwann, inmitten der Teenie-Phase, schlief das Ganze dann ein. Ich hoffe, es geht ihnen allen heute gut.

Was ich von damals mitgenommen habe, außer der Information über Blümchens Zeit als Cheerleader: Dass es toll ist, Briefe zu bekommen – und ziemlich zäh sein kann, Briefe zu schreiben. Dass man mit acht, neun Jahren eine echt wilde Handschrift hat. Dass das, was man selbst an seinem Alltag langweilig und selbstverständlich findet, für andere exotisch und interessant sein kann. Und: Dass der Hamburger Dom durchaus etwas ist, über das man sich freuen kann. Inzwischen wohne ich nämlich dort um die Ecke. Und denke manchmal an Nicole, wenn ich an den hell erleuchteten Fahrgeschäften vorbeilaufe.

Alle Texte unserer Nostalgie-Reihe finden Sie hier:  Gefühlt gestern

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